Herbert Thannhaeuser - Ein zu Unrecht fast vergessener Schriftkünstler
Die Freunde gebrochener Schriften kennen den Namen Thannhaeuser von der gefälligen und gut lesbaren Thannhaeuser-Fraktur aus den dreißiger Jahren. Aber wer weiß schon Näheres über diesen bescheidenen Schriftkünstler? 14 neue Schriften hat Herbert Thannhaeuser entworfen, dazu drei geschichtliche Schriften neu bearbeitet. Mit insgesamt 43 von ihm geschaffenen Schnitten, darunter sechs gebrochenen, gehört er ohne Zweifel zu den fruchtbarsten deutschen Schriftkünstlern. Die Namen der von ihm gestalteten Schriften zeigen jeweils in mindestens einem Schnitt zwei Abbildungen dieses Beitrages. Zum Glück ist Herbert Thannhaeuser in der Stätte seines langjährigen Wirkens, bei Typoart in Dresden, noch nicht vergessen. Deshalb ist es gelungen, den folgenden Bericht zusammenzustellen:
Am 2. Dezember 1898 in Berlin geboren, wuchs Herbert Thannhaeuser im
Norden der Stadt auf und besuchte wie seine vier Geschwister eine Gemeindeschule. Der
Vater, von Beruf Weber, fand nur als ungelernter Arbeiter Möglichkeit, die Familie zu
ernähren, und so mußten schon frühzeitig die Kinder mit der Mutter zum Unterhalt
beitragen.
Vierzehnjährig aus der Schule entlassen, wurde er Lehrling bei einem Porzellanmaler. In
der Pflicht-Fortbildungsschule fand er in der Unterhaltung mit Gleichaltrigen ein neues
Berufsziel: Er wurde Schüler im Atelier des Plakatmalers Ernst Deutsch (die
Berufsbezeichnung Gebrauchsgraphiker für die werbetechnische Tätigkeit entstand
erst 1925). Hier lernten die Schüler alle Gebiete der aufstrebenden Werbegraphik kennen,
nach der Lehrzeit wurde er Anzeigenzeichner im Atelier des Verlages Ullstein.
Im Mai 1917 wurde Herbert Thannhaeuser Soldat und wurde nach einer Verwundung in
Frankreich in ein Berliner Lazarett verlegt. Er kam wieder mit früheren Kollegen zusammen
und fand nach der 1919 erfolgten Entlassung vom Militär Anstellung in Ateliers
verschiedener Werbegraphiker.
1920 heiratete Herbert Thannhaeuser, im gleichen Jahr wurde sein Sohn Walter geboren. Ab
1922 arbeitete er als Angestellter der Firma Erasmusdruck, Berlin, die der
Briefpapierfirma Max Krause, Berlin, angeschlossen war. Die Gestaltung der Werbung für
den Eigenbedarf des Hauses wurde seine Aufgabe. Dabei und bei der Beratung der Kunden fand
er Gelegenheit, alle Drucktechniken des Hauses kennenzulernen. Er lernte sie so gut
kennen, daß die Geschäftsleitung ihm 1925 als freiem Mitarbeiter die künstlerische
Leitung anvertraute. Die neugegründete Zeitschrift Gebrauchsgraphik brachte im
1. Jahrgang 1925 mit Heft 12 Erasmusdruck eine Übersicht über die Arbeiten und
Techniken dieses Druckhauses. Als eigene, typographische Arbeit des Graphikers Herbert
Thannhaeuser entstand ein vielbeachtetes Schriftmusterbuch für die Kunden. Ein Wechsel in
der Geschäftsleitung veranlaßte ihn 1934, die Tätigkeit bei Erasmusdruck aufzugeben.
Im gleichen Jahr wurde Herbert Thannhaeuser künstlerischer Berater der Firma Graphische
Betriebe H. S. Hermann-Büxenstein. Von der später unter dem Namen Ernst Steiniger,
Druck- und Verlagsanstalt, bekannten Berliner Druckerei trennte er sich 1937.
Zur gleichen Zeit verpflichtete die Geschäftsleitung des Deutschen Sparkassenverbandes in
Berlin den Graphiker Herbert Thannhaeuser als Berater für werblich-künstlerische Fragen.
Das Deutsche Sparkassenbuch ist eine seiner Arbeiten für den Verlag. 1938 Übernahm
Thannhaeuser die künstlerische Beratung der Firma Carl Werner, Reichenbach (Vogtland).
Stahlstichentwürfe und andere Arbeiten für private Auftraggeber fanden schon frühzeitig
das Interesse der Schriftgießereien. Als erste Arbeit von Herbert Thannhaeuser auf dem
Gebiet der Schrifttypen wurde von der Schriftgießerei David Sempel AG, Frankfurt/Main,
1925 die Adastra herausgebracht, zu der Jahre später ein Schmuck erschien. Der
eigenwillige Graphiker fand bei Stempel allerdings nicht das rechte Verständnis für
seine Arbeitsauffassung.
1926 erschien als zweite Schrift bei Schelter & Giesecke, Leipzig, die Parcival-Antiqua
und 1928 brachte die Firma Schriftguß AG, Dresden, die Thannhaeuser-Schrift auf
den Markt. Für welche Schriftgießerei der Graphiker aber auch tätig war, besondere
Förderung auf dem Gebiet der Schrifttypen erfuhr er nicht.
Der Vorstand der Schelter & Giesecke AG verpflichtete Thannhaeuser 1933 als
künstlerischen Berater mit der Aufgabe, die veraltete Produktion der Schriftgießerei zu
erneuern. Dabei gewann er Einblick in die Herstellung der Typen und erkannte, wie weit die
bestehenden Verfahren das Endprodukt Schrift bestimmen. Die beschränkten Mittel der
Abteilung erlaubten anfangs nur, Auszeichnungsschriften herzustellen, die nicht jahrelange
Arbeit erforderten. So entstanden in kurzer Folge Werbedeutsch, Hermann-Gotisch,
Großdeutsch als Auftrag eines Zeitungsverlages und Gravira.
Als sich die Schriftgießerei größeren Aufgaben zuwenden konnte, fand der Graphiker
Gelegenheit, eine Werkschrift zu schaffen. Nach seinen Entwürfen entstand 1938 die Thannhaeuser-Fraktur,
und da sie von den Druckereien gut aufgenommen wurde, übernahm die Intertype die Schrift
auf die Setzmaschine. Später erschienen noch die Auszeichnungschiften Kurier und
Kornett. Für die Schriftproben seiner Typen schrieb der Graphiker selbst die
Texte.
Fachzeitschriften wie Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik 1934, Gebrauchsgraphik
1935 und Deutscher Drucker 1936 übernahmen in ihren Heften Abbildungen aus
Schriftproben und Firmenwerbung des Graphikers.
1934 erhielt Herbert Thannhaeuser von der Stadt Berlin den Auftrag, für die
Neubeschriftung der Straßenschilder eine Umzeichnung der bei der Schelter & Giesecke
AG erschienenen Schulfraktur auszuführen. Ehe die Entwürfe zur Ausführung kamen, wurde
die Umstellung von Fraktur auf Antiqua ausgesprochen. Der Auftrag wurde 1942 erneuert.
Aber erst am 27. November 1946 brachte die Zeitung Der Tagesspiegel folgendes: Neue
Straßenschilder in Berlin - ... Die Antiqua-Schrift (schwarz auf weißem Grund) wurde von
dem Schriftkünstler Thannhaeuser entworfen. Die Namen sind auf dreißig Meter leicht zu
lesen, und selbst bei einer Entfernung von fünfzig Metern fließen die Buchstaben noch
nicht zusammen...
Inzwischen hatte der Zweite Weltkrieg stattgefunden, der Künstler war
1940 wieder Soldat geworden. Die Zeichnungen der Meister-Antiqua waren beendet,
die Entwürfe für die Technotyp begonnen. Die Arbeiten wurden mit
unterschiedlicher Einflußnahme des Urhebers in der Schriftgießerei fortgeführt.
Herbert Thannhaeuser war ein bescheidener, feinfühlender Künstler, der ähnlich wie Emil
Rudolf Weiß seine Gedanken auch in Aphorismen und Gedichten niedergelegt hat. Das
Kriegsenede und die Gefangenschaft unterbrachen jede fachliche Tätigkeit. Die Hand des
Graphikers, welche bisher Buchstaben formte, schrieb jetzt Worte als Ausdruck
künstlerischer Betätigung. So entstand hinter Stacheldraht das Sonett Der Meister,
eine Widmung für den Schriftkünstler Garamond, es entstanden Sonette des persönlichen
und beruflichen Erlebens.
Am 1. September kehrte Herbert Thannhaeuser in sein Haus in Kleinmachnow bei Berlin
zurück und versuchte, sich in die veränderten Verhältnisse einzuleben.
Die Gerauchswerbung war durch den Mangel an Wirtschaftsgütern
überflüssig geworden. Der Graphiker fand Anschluß bei kleinen Verlagen und betreute
typographisch ihre Buchproduktion. Bei der früheren Schelter & Giesecke AG fand er
die inzwischen ohne seine Mitwirkung fertig gewordenen Schriftschnitte vor. Der früher
eingegangene Vertrag mit der Mergenthaler Setzmaschinenfabrik über die gemeinsame
Herausgabe einer Schrift schien nun unmöglich. Die bisherige Arbeit aber auf dem
Schriftgebiet und Erfahrungen anderer Art, seine nähere Bekanntschaft mit dem Prinzip der
Setzmaschinen-Systeme, weckten wieder den Wunsch des Schriftschöpfers, die technische
Herstellung von Typen stärker beeinflussen zu können. In den nun folgenden Jahren wurden
die Schelter & Giesecke AG, Leipzig und die Schriftguß AG, Dresden
zu einer volkseigenen Schriftgießerei vereinigt, die den Namen VEB Typoart, Dresden
erhielt.
1950 beriefen Dienststellen, die sich die technische und künstlerische Steigerung der
herzustellenden Drucktypen angelegen sein ließen, den Graphiker Herbert Thannhaeuser zum
künstlerischen Leiter des Betriebes. Im Vordergrund steht die Werkschrift. So entstanden
aus der vormals Europa genannten Schrift die Setzmaschinengrade einer Schrift,
die der Künstler später Liberta nannte. Neben dieser umfangreichen Arbeit
wurden die Erler-Versalien, die Meister-Ornamente und die Lotto
geschnitten und herausgebracht. Später gelang dem Künstler eine Interpretation der Garamond.
Der künstlerische Leiter bemühte sich auch um Schriften von Kollegen und war ihnen bei
der endgültigen Gestaltung behilflich.
Die Werkauffassung, die Herbert Thannhaeuser schon 1939 in Aphorismen ausgedrückt hatte, war unverändert die gleiche geblieben: Wer nicht die Mängel seiner letzten Arbeit erkannt hat, kann keine neue, bessere beginnen.
Zum 60. Geburtstag ehrte ihn VEB Typoart mit einem Büchlein Sonette,
das die Zusammenstellung seiner erschienenen Schrifttypen enthielt. Im März 1960 wurde
ihm der Kunstpreis der DDR verliehen.
Neue Aufgaben für die Setzmaschine waren in der Vorbereitung, als er diese Welt der
Arbeit verlassen mußte. Am 12. April 1963 starb er in Kleinmachnow.
Erst nach seinem Tode, zur Frühjahrsmesse 1965 in Leipzig, erschien die letzte Schrift
von Herbert Thannhaeuser, Magna genannt.
Diesen von Gertrud Thannhaeuser, der Ehefrau des Schriftkünstlers und Wolfgang Hendlmeier, dem Schriftleiter des Bundes für deutsche Schrift und Sprache, geschriebenen Beitrag entnahmen wir dem Heft 4/1992 (Folge 105) der Vierteljahresschrift Die deutsche Sprache. Wir haben ihn geringfügig typografisch geändert. In der Vorlage sind außer einem Lichtbild des Schriftkünstlers mehrere Schriftbeispiele und vollständige Listen der von Herbert Thannhaeuser geschaffenen Schriften beigegeben. Das Heft ist erhältlich in der Geschäftsstelle des Bundes für deutsche Schrift und Sprache.
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